„Unsere Lebenszeit besteht aus Momenten“

10. März 2020 / Allgemein
Resilienz

Anna Jelen, eine Zeit-Expertin und erfrischende Querdenkerin (siehe Bild…), die ich seit unserem gemeinsamen Workshop vor ein paar Jahren sehr schätze, sagt im Interview, woran wir in unseren Breitengraden kranken: wir sind zu zukunftsorientiert und machen uns häufig Sorgen. Sie propagiert, viel mehr im Jetzt zu sein und sich Momente bewusst zu schaffen. Dies hilft uns, unseren wandernden Affengeist zu bändigen und aus jedem Tag das Beste zu machen.

Claudia Kraaz: Studien zeigen, dass wir Menschen etwa 50% der Zeit mit unseren Gedanken nicht dort sind, wo wir gerade physisch sind. Wieso ist dies der Fall, und was sind die Vorteile, wenn wir dies ändern können?

Anna Jelen: Das stimmt, obwohl dies interessanterweise kulturell unterschiedlich ist. In unseren Breitengraden tendieren wir jedoch übertrieben „zukunftsorientiert“ zu sein. Das heisst wir verbringen viel Zeit mit unseren Gedanken in der Zukunft. In der nahen wie auch in der fernen Zukunft. „Was muss ich noch für das nächste Meeting vorbereiten?“ „Was machen wir am Wochenende?“ „Wie organisiere ich den Babysitter für nächste Woche?“ „Wo fahren wir dieses Jahr in Urlaub?“ „Wie kann ich sicher sein, dass wir im Alter finanziell abgesichert sind?“

An sich ist es nicht schlecht, „zukunftsorientiert“ zu sein. Die Frage ist, ob es sich mehr um Sorgen und Ängste handelt oder eher um motivierende Gedanken, im Sinne von Träumen und Visionen. Ein Gedanke, der mir sehr gut hilft, ist der folgende: wenn ich mich ertappe, zu sehr in der Zukunft zu verweilen (egal ob positiv oder negativ), zum Beispiel: „Irgendwann möchte ich ein Buch schreiben“. Dann hole ich die Zukunft in die Gegenwart, indem ich mir folgende Frage stelle: „Und was kann ich heute tun, um dorthin zu kommen?“ In diesem Falle könnten es zehn Linien pro Tag sein, die ich schreiben möchte.

 

Keine Angst, etwas zu verpassen

Was empfiehlst du sonst noch, damit wir diesen Affengeist in das Hier und Jetzt lenken können?

Innehalten und anhalten hilft auch. Mehrmals im Tag. Man kann sich anfangs dazu einen Wecker stellen oder es immer zu einem gewissen, regelmässig wiederkehrenden Zeitpunkt tut – z.Bsp. beim Trinken, auf Toilette gehen etc. Einfach mal beobachten, wo man sich gerade befindet. Sich fragen, wie man sich gerade fühlt. Und keine Angst haben müssen, dass man etwas verpasst. Es ist doch wunderschön, einfach im Moment zu verweilen. Egal wo und egal wann.

Ich persönlich habe so einen Trigger, wenn ich auf Toiletten gehe, mich im Spiegel betrachte und mir die Hände wasche. Da stelle ich mir immer die Frage: „Na, Anna – wie geht’s so?“ Da lanciere ich einen wunderbaren inneren Dialog und eins ist sicher: Smalltalk findet hier nicht statt – hier wird’s brutal ehrlich. Der Vorteil des Innehaltens und Anhaltens ist, dass wir nicht etwas nonstop hinterherrennen und somit die Gegenwart verpassen.

 

Auf den Körper hören

Du bist Fan von Ritualen. Wieso helfen diese uns, im Moment zu sein, und welche konkreten, einfachen Rituale könnten uns helfen?

Ich denke, jeder muss selber herausfinden, was für Rituale ihm helfen. Was ich aber gerne mit auf den Weg geben möchte, ist folgendes: höre auf deine inneren Uhren und richte dein Ritual danach. Ein Beispiel: ich höre immer wieder Leute sagen, dass sie morgens gerne ein bestimmtes Ritual durchführen möchten, zum Beispiel Yoga machen. Das wäre Zeit für sich. Schön und gut, aber was ist, wenn mein Körper, also meine inneren Uhren, eines Morgens was ganz anderes wollen? Vielleicht braucht mein Körper geistige Bewegung?

So unterscheide ich zwischen körperlichen und geistigen Ritualen und entscheide mich jeden Morgen aufs Neue und stelle mir die Frage: „Mit was für einem Ritual möchte ich den heutigen Tag starten?“ Und versuche, wirklich auf den Körper zu hören. Ab in den Kraftraum? Oder lieber mit eine Tasse Tee auf die Couch sitzen und langsam wach werden? Oder doch noch ein paar Seiten aus meinem Buch lesen (da ich ja abends meistens einschlafe)? Oder mit ein paar Yoga-Übungen den Tag starten? Oder brauche ich heute eine extra kalte/warme Dusche?

Rituale helfen uns, im Moment zu sein, weil wir uns bewusst dafür entscheiden. Wann immer wir uns für etwas konkret entscheiden, geben wir diesem Thema dementsprechend auch eine Wichtigkeit und lenken uns weniger schnell ab. Und es ist Zeit für sich, und da man nicht allzu viel davon hat, möchte man von diesem Moment profitieren und taucht so auch bewusster in den Moment ein.

Nicht auf die Ferien oder den Feierabend warten

Du rätst, Momente bewusst zu kreieren. Wieso erachtest du dies als wichtig? Und welche Momente kreierst du dir selber in deinem Leben?

Als ich 17 Jahre alt war erlebte ich eine Nahtoderfahrung. Als ich da lag und dachte „das war’s nun“, durfte ich etwas Fantastisches erleben: mir wurden Bilder aus meinem Leben gezeigt. Eins nach dem andern im Sekundentakt. Danach hatte ich für mich begriffen, woraus die Zeit, vor allem aber unsere Lebenszeit besteht: aus Momenten.

Genau aus den Momenten, die mir dort gezeigt wurden. Es waren erstaunlicherweise nicht nur die spektakulären Erlebnisse aus meinem Leben, sondern auch viele sehr alltägliche, schon fast banale Momente, die ich zu sehen bekam. Nach dieser Erfahrung bekam der ALLTAG ein ganz neues Gesicht. Ich wollte nicht mehr auf den Feierabend, das Weekend oder die Ferien warten; ich wollte aus meinem Alltag etwas Grosses kreieren.

Und da ich nun wirklich nicht weiss, wann meine letzte Stunde schlagen wird, habe ich angefangen den Alltag als ein „Mini-Leben“ zu betrachten. Jeder Tag ist ein kleines Leben. Gefüllt mit bewusst kreierten Momenten – egal, wo ich bin. Ich verteile Komplimente, schenke anderen ein Lächeln, laufe lieber langsam zur Post, als zu hetzen, geh mal mitten in der Woche in die Sauna etc. Ich versuche, mir selbst immer wieder bewusst Momente zu schenken, aber auch anderen. So wird der „graue Alltag“ etwas farbiger. Und nicht zu vergessen: die ungeplanten und unerwarteten Momente. Denen gebe ich wieder vermehrt Zeit und Raum und plane bewusst nicht und schau mal, was dann passiert.

 

Wann ist für dich ein Tag ein guter Tag?

Wenn ich meine Werte leben konnte. Egal ob im beruflichen oder im privaten Leben. Konkret heisst das: zuerst muss ich wissen, welche Werte mir wichtig sind. Zurzeit sind mir drei Werte sehr wichtig: Liebe, Kreativität und Abenteuer. Diese drei Werte versuche ich, täglich in mein Tun und in mein Sein zu integrieren. Abends frage ich mich dann oft: konnte ich heute meinen Mitmenschen etwas Liebe weitergeben? Dafür reichen oft ein paar liebevolle Worte oder Gesten. Ebenso frage ich mich: gab es heute Möglichkeiten, dass ich meiner Kreativität freien Lauf lassen konnte? Und: habe ich etwas Abenteuer in den Alltag bringen können? Wenn ich mein „fast-tägliches“ Eisbad erleben durfte, ist der Wert „Abenteuer“ erfüllt.

Ich denke, wenn die Werte, die einem wichtig sind, Platz im Alltag haben, dann trägt das viel zu einem „guten Tag“ bei, und dann kann man auch von einem erfüllten und sinnvollen Tag sprechen. Trotzdem ist es für mich auch wichtig zu wissen, dass nicht nur die guten Tage zählen. Oft bringt uns ein „schlechter Tag“ weiter als ein guter Tag. Ich nehm sie alle, gut oder schlecht. J

 

Anna Jelen (42) nennt sich eine typische Schwe-Schwe (Schweizer-Schwedin). Ihre Leidenschaft ist die Zeit. Seit sie denken kann, hat sie das Thema “wie geht der Mensch mit seiner Zeit um” beschäftigt. Seit 15 Jahren führt sie im In- und Ausland inspirierende Vorträge und Workshops zu diesem Thema durch. Ihr Motto ist: „unsere Lebenszeit ist beschränkt und es wäre fahrlässig, dies zu ignorieren“. Ihr Buch „I have time“ wird bald veröffentlicht. Mehr über Anna Jelen: https://anna-jelen.com/.

 

© Claudia Kraaz

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