„EIGENVERANTWORTUNG HEISST, FÜR SICH EINZUSTEHEN“

24. Oktober 2017 / Allgemein
Resilienz

Am 3. Oktober 2017 erschien der erste Teil des Interviews mit Jacqueline Schreiber, Leiterin Betriebliches Gesundheitsmanagement der Basler Schweiz. Im zweiten Teil erläutert sie, welches die Verantwortlichkeiten des Arbeitgebers und der Arbeitnehmenden sind und wie sich die Bedürfnisse an das betriebliche Gesundheitsmanagement in den letzten Jahren verändert haben.

Claudia Kraaz: Frau Schreiber, was sind ganz allgemein die Pflichten eines Arbeitgebers im Bereich Gesundheit?

Vom Gesetz aus hat der Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht. Sie verpflichtet uns, den Arbeitnehmenden Schutz und Fürsorge zu verschaffen. Im Vordergrund stehen der allgemeine Schutz der Persönlichkeit der Arbeitnehmenden, der Datenschutz, die Gleichstellung von Frau und Mann und der Vermögensschutz sowie die Ausstellung eines Arbeitszeugnisses. Zu den Persönlichkeitsgütern der Arbeitnehmenden, die der Arbeitgeber zu schützen hat, zählen z.B. namentlich Leben und Gesundheit, körperliche und geistige Integrität. Der Arbeitgeber darf die Arbeitnehmenden ferner nicht überfordern oder mit Arbeit derart belasten, dass ihre Gesundheit gefährdet würde. Und eine erhöhte Fürsorgepflicht gilt gegenüber lernenden Personen. Das heisst also, dass der Arbeitgeber die Voraussetzungen schaffen muss,  dass die Mitarbeitenden Arbeiten und Arbeitsplätze haben, die ihre Gesundheit unterstützen. Aber wir haben natürlich auch ein grosses Eigeninteresse, gesunde und fitte Mitarbeitende zu haben. Denn dies hat einen grossen Einfluss auf unseren unternehmerischen Erfolg.

 

Und wie steht es um die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden?

Der Mitarbeitende selber kann einen grossen Beitrag zu seiner Gesundheit leisten, aber nicht nur auf der körperlichen Ebene. Er kann auch viel zu seiner eigenen Zufriedenheit am Arbeitsplatz beitragen. Wenn z.B. ein Vorgesetzter sich nicht angemessen verhält, gibt es Stellen, an die sich ein Mitarbeitender wenden kann, z.B. seinen HR Business Partner, seinen Vor-Vorgesetzten, das betriebsinterne Case Management oder die Mitarbeiterkommission. Denn nur so erfahren wir etwas davon und können etwas ändern. Eigenverantwortung heisst für mich: für sich selber einstehen und sich mitteilen. Ein anderes Thema in diesem Zusammenhang sind die zahlreichen Freiheiten und Möglichkeiten, die die Jungen heute haben. Heutzutage wird deswegen schneller eine Lehrstelle abgebrochen. Die Jugendlichen sind weniger bereit, sich bei Schwierigkeiten mal durchzubeissen. Hier droht meines Erachtens eine gewisse Verweichlichung.

Privatleben ist wichtiger

Inwiefern haben sich denn diese Erwartungen der Angestellten an ihren Arbeitgeber in den letzten Jahren geändert, und was für einen Einfluss hat dies auf Ihr Angebot?

Heute ist den Mitarbeitenden Lebensqualität, Privatleben und freie Zeit wichtiger als früher. Das heisst, wir müssen Teilzeitmodelle anbieten – auch für Männer – oder Job-Sharings. Mit einem guten Lohn alleine ist es heute nicht getan. Insgesamt möchten die Jungen heute viel flexibler arbeiten, und als Arbeitgeber müssen wir diese Bedürfnisse ernst nehmen und solche Strukturen schaffen, wenn wir die guten Leute anziehen bzw. behalten möchten. Wir richten unser Angebot im Gesundheitsmanagement deshalb auch immer wieder neu auf die Bedürfnisse der Angestellten aus.

 

Wie stark werden Ihre Dienstleistungen nachgefragt? Stellen Sie eine Zunahme fest?

Wenn wir ganztägige Seminare anbieten, ist die Nachfrage eher gering. Deshalb führen wir vor allem Mittags- oder Halbtagesveranstaltungen durch, die sehr gut besucht werden. Eine sehr hohe Nachfrage haben wir nach Ergonomie-Schulungen. Wir bieten einzelnen Mitarbeitenden oder ganzen Teams schweizweit Arbeitsplatzabklärungen und Ausbildungen zum diesem Thema an. Die Inanspruchnahme von persönlichen Beratungen von Mitarbeitenden hat zugenommen. Vor zehn Jahren habe ich in der Basler Schweiz ganz alleine betriebliches Gesundheitsmanagement gemacht. Heute sind wir drei Personen mit insgesamt 300 Stellenprozenten, da die Nachfrage stetig zugenommen hat und wir auch neue Angebote anbieten. Ein solches Novum sind z.B. die rund 10 IV-Trainingsarbeitsplätze, die wir den IV-Stellen Basel-Land und Basel-Stadt für ihre Versicherten anbieten. Die betroffenen Personen können bei uns in ausgewählten Abteilungen ein Belastungs- und Arbeitsaufbautraining absolvieren. Zudem bieten wir drei Lehrstellen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen an. Wir möchten also nicht nur gegenüber unseren Mitarbeitenden soziale Verantwortung wahrnehmen, sondern auch gegenüber Aussen – im volkswirtschaftlichen Sinne. Unser Spektrum ist also sehr breit.

 

Beitrag zur Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden

In der Wirtschaft ist der Kostendruck gross. Viele Stellen werden gestrichen. Das Betriebliche Gesundheitsmanagement der Basler Schweiz hat jedoch sein Angebot deutlich ausbauen können. Welchen Wert sieht Ihre Geschäftsleitung im Gesundheitsmanagement?

Die Geschäftsleitung misst dem Gesundheitsmanagement einen grossen Stellenwert bei. Denn sie ist sich bewusst, dass wir einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass die Mitarbeitenden gesund bleiben oder werden und somit ihre Leistungsfähigkeit erhalten bleibt. Und ich darf festhalten, dass wir auch bei den Mitarbeitenden einen guten Ruf geniessen, da sie merken, dass sich die Basler um ihr Wohl kümmert.

 

Jacqueline Schreiber (45) ist seit 2006 Leiterin des Betrieblichen Gesundheitsmanagements und HR Case Management der Basler Schweiz. Vorher war sie in einer Rehaklinik im Sozialdienst tätig. Jacqueline Schreiber ist diplomierte Sozialpädagogin und verfügt über einen MAS in Sozialrecht. Im April 2010 erhielt die Basler als erster Allbranchen-Versicherer der Schweiz das Label „Friendly Work Space“ der Gesundheitsförderung Schweiz.

 

Am 3. Oktober 2017 erschien der erste Teil des Interviews mit Jacqueline Schreiber. Er kann nachgelesen werden unter: http://www.stressandbalance.ch/2017/10/03/keine-abgrenzung-zwischen-arbeit-und-freizeit/.

 

 

© Claudia Kraaz

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