MEINE DIGITALE ENTGIFTUNG

22. August 2017 / Allgemein
Resilienz

Das erste Mal in meiner Selbständigkeit habe ich im Juli eine Woche Ferien ohne Laptop und auch ohne Handy gemacht. Denn ich kann ja nicht dauernd in meinen Vorträgen und Workshops davon sprechen, wie wichtig eine zwischenzeitliche digitale Entgiftung sei, ohne sie selber je erlebt zu haben. Das wäre ja wie Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Wie ist es mir dabei ergangen?

Ich bin nun seit drei Jahren selbständig, und ich kann sehr zufrieden sein, wie sich mein drittes Baby (neben meinen zwei Töchtern) entwickelt. Soweit so gut. Das bedeutet aber auch, dass meine Tage gut gefüllt sind mit 80% arbeiten, zwei kleinen Kindern, meinem Mann, meinen nicht mehr so jungen Eltern, meinen Freundinnen, unserem neuem Haus, Sport und was es sonst noch alles so gibt in meinem Leben. Als Stress-Coach ist es mir sehr bewusst, dass es bei einem solchen Pensum sehr wichtig ist, sich zwischendurch wieder erholen zu können, die Seele baumeln zu lassen, einfach mal im Moment zu sein.

Gleichzeitig erzähle ich meinen Kunden in meinen Vorträgen und Workshops immer, wie wichtig es sei, nicht immer online zu sein, sich also aus der digitalen Abhängigkeit zu befreien, in der wir uns alle – die einen mehr, die anderen weniger – befinden. Gleich zwei Gründe also, einmal selber eine digitale Entgiftung zu machen. In der zweiten Julihälfte war ich mit meinem Mann und unseren Töchtern (bald 6 und 8) eine Woche in den Bergen – ganz ohne Laptop und (wenn schon, denn schon) auch ohne Handy. Ich muss gestehen, dass ich schon ein etwas mulmiges Gefühl hatte, als ich am Freitagabend vor der Abreise den Computer runterfuhr und mein Natel ausschaltete. Würden meine Kunden Verständnis dafür aufbringen (ich mache ja auch Krisen-Coaching, da könnte ein Notfall auftauchen)? Verpasse ich deswegen einen Auftrag? Kann ich die Ferien entspannt geniessen, ohne zu wissen, was gerade businessmässig läuft?

 

Ganz relaxed ohne Geschäftsmails

Ich war selber überrascht: ich hatte überhaupt keine Probleme damit, meine geschäftlichen Mails nicht anschauen und mein LinkedIn-Profil oder die Page-View-Zahlen meiner Website nicht checken zu können. Ich war völlig entspannt! Vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass ich es bisher in den Ferien so gehandhabt hatte, dass ich jeweils nur am Morgen und am Abend kurz meine Mails gecheckt und – wenn notwendig – beantwortet hatte. Auf meiner Natel-Combox war jeweils eine Ferienabwesenheits-Mitteilung zu hören, mit der Bitte, dringende Anfragen per Mail an mich zu richten. Ich war also geschäftlich bisher in meinen Ferien schon halb-offline gewesen. Der Schritt, dann geschäftlich ganz abschalten zu können, war viel kleiner, als ich gedacht hatte. Und ich gewann viel: Zeit mit meinem Mann und meinen Kindern, aber auch Zeit für mich, z.B. zum Lesen, was ich liebe, aber bei mir im Alltag immer zu kurz kommt. Und ich habe die Natur nicht immer nur durch die Linse meines Smartphones betrachtet. Ich war also weniger abgelenkt und mehr im Moment. Ein klarer Gewinn!

Was ich total unterschätzt hatte: ich realisierte, wie viele Male am Tag ich mein Smartphone für andere Dinge gebraucht hätte, wenn ich es dabei gehabt hätte: um das Wetter zu checken (das Wetter in unseren Ferien war – gelinde gesagt – sehr instabil), ein Regen-Alternativ-Programm zu suchen und auch zu buchen, Restaurant-Reservationen zu machen usw. Da mein Mann sein Natel dabei hatte, musste er diese ganzen Aufgaben übernehmen Das hat mich mehr nervös gemacht als entspannt (und ihn auch…)! So vieles läuft online heute, auch in den Ferien: es gibt kaum mehr gedruckte Prospekte, und in den Hotels oder Wohnungen liegen keine schriftlichen Unterlagen für den Gast mehr bereit. Nein, man bekommt vor Ferienantritt immer häufiger ein Mail mit einem Link auf das persönliche Dossier. Und wenn man dann sein Smartphone nicht dabei hat: Pech gehabt!

 

Wertvolle Erfahrung mit einer Adjustierung

Ich habe es auch vermisst, mit meinen Freundinnen über WhatsApp oder SMS im Kontakt zu bleiben, auch wenn ich mir gleichzeitig bewusst geworden bin, dass es manchmal auch Stress bedeutet, immer gleich auf eine Mitteilung antworten zu müssen. Oder das Gefühl hat, man müsse es, da man ja auf WhatsApp sieht, wann jemand die Mitteilung angeschaut hat. Und da ich kurz vor der Abreise für unsere jüngere Tochter ein Velo übers Internet ersteigert hatte, hatte ich nach der Rückkehr einige SMS-Botschaften des Verkäufers auf meinem Handy, so unter dem Motto: ich sei ja gar nicht erreichbar… Zum Glück war er dann doch geduldig und hat das Velo nicht weiterverkauft. Einmal, das muss ich gestehen, einmal (wirklich nur ein einziges Mal!!!) habe ich das Natel meines Mannes benutzt. Denn meine beste Freundin und Gotte unserer älteren Tochter hatte während unseren Ferien Geburtstag. Und es war mir und ihrem Gottikind wichtig, ihr nicht erst eine Woche später gratulieren zu können. Man muss auch wissen, wann man mal seine Prinzipien über Bord werfen muss!

Mein ganz persönliches Fazit: es geht für mich problemlos ohne Geschäftsmail in den Ferien. Aber ich kann (noch) besser entspannen, wenn ich mein Natel (über das ich bewusst keine Geschäftsmails empfangen kann) dabei habe – aus Ferien-Logistik-Gründen und für die Aufrechterhaltung meiner sozialen Kontakte. Künftig werde ich also den Laptop wieder zuhause lassen, aber mein Smartphone wird mich in die Ferien begleiten. Ich werde jedoch bewusst darauf verzichten, die Social Medias zu checken (ich habe sowieso keinen Facebook-, sondern nur einen LinkedIn-Account), was für viele Suchtpotenzial hat. Ich lasse also die Sachen weg, die eher Stress bedeuten und mich vom Moment ablenken. Aber die Flexibilität in der Organisation der Ferien (und auch des Alltags) und den sozialen Austausch (am liebsten offline, aber besser online als gar nicht) lasse ich mir nicht nehmen!

 

Ein grosses Aber…

Doch ich möchte hier nicht verallgemeinern: was für mich gilt, muss nicht für Andere gelten! Wer z.B. auf seinem Natel automatisch seine geschäftlichen Mails empfängt, kann diese vielleicht nicht einfach ignorieren, wenn er sein Natel für private Zwecke nutzt – dies braucht sehr viel Disziplin! Jeder muss also selber herausfinden, was für ihn die beste Art einer digitalen Entgiftung ist – radikal oder sanft, übers Wochenende oder in den Ferien usw. Das Wichtigste ist einfach: versuchen Sie es einmal, schon nur, um herauszufinden, was es mit Ihnen macht – um sich bewusst zu werden, wie viele Male am Tage Sie online sind und auf welchen Kanälen. Denn Bewusstsein ist der erste Schritt einer Veränderung.

 

P.S. Für diejenigen, die Mühe haben, eine Offline-Zeit durchzuhalten: es gibt auch Apps gegen die Handysucht. Unter anderem diejenigen, welche Burkhard Heidenberger im folgenden Artikel aus seinem interessanten Newsletter vorstellt: http://www.zeitblueten.com/news/apps-gegen-smartphonesucht/.

 

© Claudia Kraaz

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